Prozessbegleitung

Wenn eine Frau Gewalt erlebt hat, sind wir oft die erste Anlaufstelle, um über das Erlebte zu sprechen. Bei einer aktuellen Gewalterfahrung kommen viele Frauen meist stark traumatisiert zum Erstgespräch, in seltenen Fällen sind sie noch in einem Schockzustand. Bevor wir im Detail die Prozessbegleitung mit der Frau besprechen, geht es erstmals um Stabilisierung. D.h. die meisten Frauen fühlen sich sehr unsicher, wenn sie zur Beratung kommen, sie haben Angst, schämen sich, haben das Gefühl verrückt zu werden, durchzudrehen. Sie haben außerdem Angst davor, dass ihnen nicht geglaubt wird. Wir versuchen den Frauen zu vermitteln, dass sie bei uns in Sicherheit sind, jetzt keine Angst haben brauchen, ihr Gefühle verständlich und eine Auswirkung des Erlebten sind.

Für viele Frauen ist nicht von vornherein klar, ob sie eine Anzeige machen möchten bzw. was es heißt, eine Anzeige zu machen. In den Beratungsgesprächen unterstützen wir Frauen bei der Entscheidungsfindung. Entschließen sich Frauen zu einer Anzeige bieten wir – wenn möglich – kostenfreie psychosoziale Prozessbegleitung während des Strafverfahrens an.

Wer hat Anspruch auf Prozessbegleitung?

1. Strafverfahren:
Opfer von Gewaltdelikten (Körperverletzung, Nötigung, gefährliche Drohung, Stalking oder Verletzungen der sexuellen Integrität) haben Rechtsanspruch auf psychosoziale und juristische Prozessbegleitung (Begleitung durch eine/n Rechtsanwalt/Rechtsanwältin) während eines Strafverfahrens.

Stirbt das Opfer einer Straftat, dann haben die direkten Angehörigen des Opfers (Ehegatten, Lebensgefährten, Verwandte in gerader Linie, Geschwister) Anspruch auf Prozessbegleitung; ebenso andere Angehörige, die Zeugen der Tat waren, durch die das Opfer getötet worden sein könnte.

2. Zivilverfahren:
Wurde einem Opfer in einem Strafverfahren Prozessbegleitung gewährt, kann auch in einem Zivilverfahren (z.B. Schadenersatzklage, Scheidung, Obsorgeverfahren u.a.) Anspruch auf psychosoziale Prozessbegleitung bestehen, wenn das Zivilverfahren mit dem Inhalt des Strafverfahrens in einem sachlichen Zusammenhang steht. Wichtig: Im Zivilverfahren besteht kein Anspruch auf juristische Prozessbegleitung (also kein Anspruch auf eine/einen Rechtsanwältin/Rechtsanwalt im Rahmen der Prozessbegleitung)!

Was kostet Prozessbegleitung?

Für die Anspruchsberechtigten entstehen keine Kosten. Wird der/die Beschuldigte im Strafverfahren angeklagt und verurteilt, können dieser/diesem möglicherweise die (teilweisen) Kosten der Prozessbegleitung auferlegt werden. Auch im Zivilverfahren ist es kann es dazu kommen, dass dem/der Beschuldigten als VerfahrensgegnerIn die Kosten auferlegt werden.

Wenn Sie Opfer von Gewalt geworden sind und daher Anspruch auf Prozessbegleitung haben, heißt das praktisch für Sie:

  • Sie werden von uns so gut wie möglich und so schonend wie möglich durch das Gerichtsverfahren begleitet. Sie müssen diese Situation nicht alleine bewältigen!!!
  • Im Erstgespräch bekommen Sie Informationen über mögliche rechtliche Schritte und Verfahrensabläufe, für den Fall, dass Sie sich zu einer Anzeige entschließen.
  • Wir begleiten Sie zur Anzeige. Als Opfer von Gewalt haben Sie das Recht von einer weiblichen Beamtin einvernommen zu werden und Sie dürfen eine Vertrauensperson mitnehmen. Nachdem es bei der Polizei darum geht, das Erlebte sehr detailliert zu schildern, was anstrengend sein kann, ist es völlig in Ordnung, Gefühle zu zeigen, um ein Glas Wasser oder um Pausen zu bitten. Nach Ihrer Einvernahme beginnt die Polizei mit den Ermittlungen, erhebt mögliche Beweise und vernimmt bzw. befragt den/die Beschuldigte/n und eventuelle ZeugInnen. Das kann mehrere Wochen bis Monate dauern.
  • Auch nach einer bereits erfolgten Anzeige bzw. sobald Sie eine Ladung vom Gericht bekommen haben, ist Prozessbegleitung möglich!
  • Im Strafverfahren vermitteln wir Ihnen eine kostenfreie juristische Prozessbegleitung (Rechtsanwältin/Rechtsanwalt) und begleiten Sie auch dorthin. Die juristische ProzessbegleiterIn informiert Sie laufend über den Stand des Verfahrens, bereitet Sie rechtlich auf Gerichtstermine vor und vertritt Sie vor Gericht.
  • Bei Sexualdelikten kann es zu einer „kontradiktorischen Einvernahme“ (schonende Einvernahme – getrennt vom Beschuldigten) am Gericht kommen. Die juristische Prozessbegleitung und eine Beraterin (die psychosoziale Prozessbegleiterin) begleiten Sie zu diesem Termin. Bei der kontradiktorischen Einvernahme können Sie eine Vertrauensperson mitnehmen (sehr oft sind das die Beraterinnen bzw. psychosozialen Prozessbegleiterinnen). Der/die Beschuldigte und die anderen Verfahrensparteien (der/die StaatsanwältIn, der/die VerteidigerIn und Ihre Anwältin/Ihr Anwalt halten sich getrennt von Ihnen im Verhandlungssaal auf. Sie werden von einer Ermittlungsrichterin vernommen.
  • Nach einer kontradiktorischen Einvernahme entscheidet der Staatsanwalt ob es zu einer Einstellung kommt oder Anklage erhoben wird. Im letzteren Falle kommt es zu einer Hauptverhandlung. Hat im Vorfeld bereits eine kontradiktorische Einvernahme stattgefunden, müssen Sie in der Hauptverhandlung nicht anwesend sein. Sie werden dann von der juristischen Prozessbegleitung vertreten, die Ihre Rechte (Schadenersatz, Schmerzensgeld) geltend macht
  • Bei anderen Delikten, wie Körperverletzung oder gefährliche Drohung, besteht die Möglichkeit, dass Sie in der Hauptverhandlung „abgesondert einvernommen werden“, d.h. dass Sie Ihre Aussage nicht in Anwesenheit des/der Beschuldigen machen müssen. Wenn Sie mit dem/der Beschuldigten in einem Verwandtschaftsverhältnis stehen, sind Sie grundsätzlich von einer Aussage befreit.
  • Die juristische Prozessbegleitung informiert laufend über den Verfahrensstand und begleitet Sie bis zur rechtskräftigen Erledigung eines Strafverfahrens. Die psychosoziale Prozessbegleitung unterstützt Sie ebenso bis zum Abschluss des Verfahrens und hilft Ihnen auch ein Stück weit bei der Bewältigung des Geschehenen, um längerfristigen Folgen entgegenzuwirken.
  • Außerdem bietet Ihnen die psychosoziale Prozessbegleitung die Möglichkeit, Abstand und Distanz zum Geschehenen zu gewinnen, um wieder neue Handlungs- und Entscheidungs-möglichkeiten entwickeln zu können.
  • Wird ein Verfahren eingestellt oder der Beschuldigte freigesprochen, ändert dies nichts daran, was passiert ist und es hat nichts damit zu tun, ob Ihnen geglaubt wurde oder nicht. Auch wenn es zu einem Freispruch kommt, muss sich der Beschuldigte trotzdem vor dem Gericht verantworten und wird mit der Tat konfrontiert.

SIE HABEN ES GESCHAFFT, DAS SCHWEIGEN ZU BRECHEN!