Feminismus heute?
Der Versuch einer Positionierung
von Elfie Hackl-Ceran/Februar 2008
Seit 21 Jahren bin ich in der Erwachsenenbildung tätig –
als Referentin, Organisatorin und Veranstalterin. Und immer war
es in diesen Jahren nicht nur meine Liebe, sondern auch meine
Berufung frauengerechte und frauenparteiliche Aus- und Weiterbildung
zu ermöglichen und anzubieten.
Zu Anfang dieser Tätigkeiten, als mir selber nach und nach
bewusst geworden war, was Frauen aller Kontinente und über
Jahrtausende unter dem Patriarchat an Ungerechtigkeiten, Unterdrückung
und Leid erdulden mussten, setzte ich mich mit Wut-Mut, mit Empörung
und dem Blick auf das Ungleiche, das Ungerechte, das Unfaire und
das Unzumutbare in der patriarchalen (Un)Ordnung für ein
Beenden dieser Ungerechtigkeiten ein. Heute tue ich das nicht
weniger engagiert und nicht weniger empört, aber mit einem
bewusst weiteren – und einem zugleich auch differenzierteren
Blick - und wie mir scheint, tue ich diese Arbeit inzwischen auch
effizienter, weil gelassener und unangestrengter.
Heute liegt mir sehr daran den Wirklichkeiten von Frauenalltagserleben,
Frauenwünschen, Frauen-bedürfnissen gerecht zu werden,
so wie auch den Unterschiedlichkeiten von Frauen und ihren Lebensentwürfen,
statt das Ideal der Gleichwertigkeit und Selbstbestimmtheit von
Frauen – im Negieren oder in Opposition zu diesen Wirklichkeiten
erreichen zu wollen.
Die Kunst effektiver feministischer „Praxis“arbeit
besteht meiner Meinung nach darin, den Spagat zwischen dem Notwendigen
und dem Möglichen zu versuchen – und zwar ihn immer
wieder neu, und fortwährend reflektierend zu versuchen.
Unter effektiver feministischer Praxisarbeit verstehe ich jene
Aktionen oder Taten, die die Höhen der Theoriebildung verlassen,
um Hand anzulegen und die Alltagswelt unserer Gesellschaft, also
die weibliche UND männliche, unaufhörlich mit dem Bewusstsein
zu durchdringen, dass den Frauen der ihnen gebührende Anteil
an Macht, Geld, Arbeitsplätzen, Führungspositionen,
sowie Definitions- und Gestaltungsmacht in politischen, wirtschaftlichen,
kulturellen und medialen Belangen zugestanden werden muss. Und
solange diese Gleichwertigkeit faktisch noch nicht erreicht ist,
dass Frauen durch spezielle Maßnahmen zu fördern sind.
Das Integrieren von Vielfalt als neues Ziel feministischen Arbeitens?
Als „Hintergrundfolie“ meiner Sichtweise dient mir
unter anderem auch das Konzept von Managing Diversity. Dazu gehört,
dass die handlungsleitenden Theorien unter Berücksichtigung
der Erfahrungen aller Beteiligten und Betroffenen, einem ständigen
Reflektieren ausgesetzt werden müssen, um so eine Grundlage
zu haben, auf der diese Theorien fortlaufend auf ihre Lebbarkeit
und alltägliche Praxis hin überprüft werden können.
Auch wenn es bei Managing Diversity in erster Linie um ein Konzept
zur Verbesserung und Gewinnoptimierung in Unternehmen geht, so
sehe ich diesen oben angeführten Grundsatz auch oder gerade
für feministisches Handeln als enorm wichtig an, um nicht
Gefahr zu laufen, dass Theorien ohne inneren Zusammenhang zum
dazugehörenden Praxishandeln bleiben und sie dadurch eben
dann auch nur das bleiben: Theorien.
Die beschriebene Vorgangsweise fördert meines Erachtens auch
die Bewusstmachung und Reflexion darüber, dass letztlich
alle Strukturen, Regeln oder Ideologien (!) Konstrukte und Konzepte
sind, und NICHT feststehende Ergebnisse einer selbstverständlichen
Ordnung oder allgemeingültigen und immerwährenden Wahrheit.
So könnte eine politische Kultur entstehen, die vorhandene
Konflikte nicht einzelnen „Schuldigen“ zuschreibt,
sondern diese Konflikte zum Gegenstand ständiger Kommunikation
macht und dadurch ein möglichst hohes Maß an Integration
der vorhandenen Vielfalt erzielt.
Das relativ neue Konzept von Managing Diversity spiegelt sehr
gut meine eigene ganzheitlich orientierte Werthaltung wieder,
nämlich das Anerkennen und Wertschätzen der Vielfalt,
Diversität, Heterogenität oder Verschiedenartigkeit,
also das Anerkennen dessen was IST, und meiner - wann immer vertretbaren
- integrierenden, statt ausgrenzenden Vorgangsweise in der täglichen
Arbeit.
Defizitäres oder kompetenzorientiertes
Denken in der Frauenarbeit
Wir haben zwei Möglichkeiten die Welt zu sehen: Defizitär
und am Mangel orientiert oder ausgerichtet an den Ressourcen,
Kompetenzen und Möglichkeiten. Durch die Art und Weise wie
wir unsere feministischen Anliegen formulieren, zeigt sich unser
eigenes, dahinter liegendes Frauenbild. Sehe ich mich als Opfer,
ausgegrenzt, benachteiligt und diskriminiert? Oder lenke ich den
Fokus auf meine Stärken, Möglichkeiten und Chancen?
War es in den Anfängen der zweiten Frauenbewegung vor 30
Jahren gang und gäbe und angebracht sich über das, was
NICHT ist und was FEHLT zu definieren und damit auf die Barrikaden
zu steigen und es lauthals einzufordern, so hat sich in den letzten
Jahrzehnten ein Verharren in dieser Vorgangsweise zunehmend als
unwirksam, ja behindernd erwiesen.
Heute immer weiter gebetsmühlenartig die Defizite aufzuzählen,
sich über die ungerechten patriarchalen Strukturen und Herrschaftsverhältnisse
zu beklagen und die Männer als Gesamtgruppe aus der Frauenarbeit
auszuschließen, bedeutet für mich persönlich eine
anachronistische Vorgehensweise – und nicht nur das, ich
denke, dass sie dem Weiterkommen der Frauen letztlich nicht dient,
sondern hinderlich ist.
Auch im Sinne eines wertschätzenderen Selbstbildes für
jede Frau persönlich, lohnt es sich kompetenz-erweiternde
und allgemein stärkende Begrifflichkeiten zu verwenden –
statt im immerwährenden Singsang des Opfermodus hängen
zu bleiben.
Ressourcen- und kompetenzorientiert zu formulieren, ist für
mich zur persönlichen Notwendigkeit geworden, um davon Abstand
zu nehmen, mich ständig als defizitär, benachteiligt
oder unterdrückt zu erleben. Ich rede hier aber keinesfalls
davon, durch unreflektiertes „Positivdenken“ die Augen
zu verschließen vor weiterhin bestehenden oder inzwischen
wieder neu entstehenden gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und
Benachteiligungen – oder vor den immer noch ausgeübten
gewaltsamen männlichen Angriffen auf die Körper und
Seelen von Frauen.
Was ich meine, ist eine aktive, selbstbewusste, zugreifende und
positive Haltung einzunehmen und die Dinge, die praktisch und
faktisch möglich sind anzugehen. Es würde der „Frauenbewegung“
gut tun da und dort etwas mehr Pragmatismus an den Tag zu legen,
um Gegebenheiten nicht nur gekonnt (oder wehleidig) zu beklagen
– sondern um damit zu beginnen, sie mittels beziehungsfähiger
Streitkultur Schritt für Schritt außerhalb der geschützten
Frauenräume zu verändern.
Und das – wie oben ausgeführt - in Anerkennung der
unterschiedlichen Wirklichkeiten, der Heterogenität von Frauen,
z.B. dass eine auch dann ernst genommen und zur Selbstständigkeit
befähigt wird, wenn ihr Lebensentwurf abweicht vom Ideal
eines Konzeptes.
Ansprüche an feministisches Handeln heute
Wir stehen heute vor einer völlig veränderten, ja paradoxen
Situation. Seit mehr als 30 Jahren gibt es Frauen- und Geschlechterforschung
und Bestrebungen, um die gesellschaftliche Gleichstellung von
Frauen “und immer noch hat sich an der geschlechtshierarchischen
Arbeitsteilung wenig geändert. Noch nie hatten die Frauen
ein so hohes Bildungsniveau wie heute, und doch können sie
damit weniger anfangen als gleichwertig qualifizierte Männer.
Immer wieder werden die Kontinuitäten der patriarchalen Strukturen
deutlich.“ (Zitat Karin Derichs-Kunstmann).
Marktorientierter Nutzen und technologische Entwicklung sind im
Zuge der Globalisierung zu unumstrittenen Wertmaßstäben
erkoren worden und das Beharren auf feministischem Engagement
erntet häufig entweder spöttisches Lächeln oder
unverständiges Kopfschütteln, weil angeblich ohnehin
längst die totale oder doch zumindest weitgehende Gleichberechtigung
Einzug in die Gesellschaft gehalten hat. Zeitgleich sind junge,
gut ausgebildete Frauen nachgekommen, die für sich keine
gesellschaftliche Benachteiligung erkennen können.
Ich sehe schon lange nicht DEN Feminismus, sondern unterschiedlichste
Schwerpunktsetzungen, Ebenen und Herangehensweisen. Alle sind
wichtig und für alle darf und soll es aktive VertreterInnen
geben.
Eines aber soll dabei nicht vergessen werden: Wenn wir der Vision,
dass die Welt stärker von Frauen strukturiert und gelenkt
werden soll, näher kommen wollen, haben wir die Unterschiedlichkeit
und Meinungsvielfalt von Frauen zu respektieren und Frauen auch
dann im Erlangen von Handlungs- und Gestaltungskompetenz zu fördern,
wenn ihre Interessen, Meinungen und Verhaltensweisen nicht mit
den eigenen Konzepten übereinstimmen.
Für mich war gelebter Feminismus noch nie das Endziel, sondern
eine Strategie mittels der Frauen
• im ersten Schritt – bestenfalls in geschützten
Frauenräumen - zu einer gelassenen, selbstverständlichen
Akzeptanz ihres weiblichen Selbst kommen können, denn wohlwollende
und wertschätzende Selbstakzeptanz, sowie positive Selbstbilder
sind unter Frauen noch lange keine Selbstverständlichkeit.
Sogar selbstbewussten und gebildeten Frauen fällt es oft
schwer, das, was sie untereinander selbstverständlich diskutieren,
in gemischtgeschlechtliche Diskurse einzubringen.
• Im zweiten Schritt geht es für mich aber darum, mit
Hilfe einer beziehungsfähigen Streitkultur, sich wieder auf
„die anderen“ und auch die männlichen Sichtweisen
einzulassen. Denn um gesellschaftliche Definitionsmacht zu erlangen,
um mitzubestimmen und mitzugestalten, wird es nicht genügen,
wenn Frauen dies „unter sich“ im geschützten
Frauenraum aushandeln und einüben.
Das „Endziel“- oder die Vision, wenn ich eine formulieren
müsste - bestünde für mich in der Schaffung eines
völlig neuen Geschlechterverhältnisses, indem Frauen
und Männer gleichberechtigt, gleichwertig und in beidseitiger
Würdigung der vorhandenen Vielfalt gemeinsam eine
menschengerechte, friedvolle Welt kreieren – „zum
Wohle aller Wesen die Haut oder Fell haben“ um Leila Dregger
zu zitieren.
Als abschließende Definition dessen, was Feminismus für
mich bedeutet zitiere ich aus Christiane Northrups Buch „Frauenkörper
Frauenweisheit“ – sie ihrerseits zitiert Sonja Johnson:
„Im Feminismus artikuliert sich die alte, geheime Kultur
und Philosophie, deren Basis die Werte sind, die das Patriarchat
als weiblich etikettiert, die aber unabdingbar zur vollen Menschlichkeit
gehören. Zu den Prinzipien und Werten des Feminismus, die
sich am deutlichsten von denen des Patriarchats unterscheiden,
zählen universelle Gleichheit, gewaltfreie Problemlösung
und Zusammenarbeit mit der Natur, mit anderen Menschen und anderen
Arten.“