Es folgt ein Auszug aus der Buchbesprechung
von Christian Pichler :
Eine große "kleine" Frau
Walter Kohl: "Die Poldi. Das Leben einer Linzer Arbeiterin"
Edition Geschichte der Heimat, erschienen im Buchverlag Franz
Steinmaßl, 2006
"Ein turbulentes Leben? Nach gegenwärtigen
Event-Maßstäben wohl kaum. Leopoldine Feichtinger zeichnete
sich vor allem durch Zähigkeit aus. 1920 in Linz geboren,
zählte sie in ihren jungen Jahren in der Schule stets zu
den Besten. Doch mit 13 Jahren musste sie die Schule abbrechen
und froh sein, schließlich als Dienstmädchen unterzukommen.
Der Vater, ein Zimmermann, hatte gerade genug Geld, dem Bruder
die schulische Weiterbildung zu finanzieren. Leopoldine Feichtinger
resümiert heute ohne Groll, dass damals ein Mädchen
selbstverständlich zurückstecken musste. Das war ganz
einfach so.
Leopoldine Feichtinger hat sich nicht verbiegen
lassen, schon gar nicht brechen. Sie hätte, als auch in Linz
die Nazis herrschten, nur der NSDAP beitreten müssen und
hätte vermutlich rasch einen - für ihre Verhältnisse
- Traumjob im Büro erhalten. Doch dieser Gedanke lag ihr,
in einem sozialdemokratischen Milieu, im Stadtteil Dornach aufgewachsen,
fern. (Soviel kurz dazu, dass viele in der NS-Zeit nur ihre "Pflicht"
getan haben wollen.)
Es dauert Jahrzehnte, bis Leopoldine Feichtinger
einen größeren Sprung auf der Karriereleiter macht.
Sie arbeitet in den Linzer Austria Tabakwerken, schafft es zur
Betriebsrätin. Sie hilft in dieser Funktion, wo sie nur kann.
Reibt sich auf bis zu Erschöpfung und Suizidgedanken. Dem
damaligen sozialistischen Finanzminister Androsch ringt sie persönlich
das Versprechen ab, dass die Arbeiterinnen in den Tabakwerken
gleich hohe Gratis-Rationen an Zigaretten erhalten wie die Arbeiter.
Für viele Menschen in Linz ist Leopoldine
Feichtinger schlicht die "Poldi". Noch nach ihrer Pensionierung
1975 besucht sie bis ins hohe Alter hilfsbedürftige Menschen.
Eine Art heilige Närrin der österreichischen Sozialdemokratie?
Mitnichten. Wenn sie von ihrem mittlerweile verstorbenen Mann
erzählt, wählt sie harte und gerechte Worte: Ein Geizkragen
sei er gewesen und ein Faulpelz obendrein. Doch für eine
junge Frau war es zur Zeit ihrer Heirat fast undenkbar und oft
auch unmöglich gewesen, sich alleine durchzuschlagen.
Autor Walter Kohl hat einige Wochen mit Leopoldine
Feichtinger gesprochen, die Gespräche auf Tonband aufgenommen
und zur Biographie "Die Poldi. Das Leben einer Linzer Arbeiterin"
zusammengefasst und einfühlsam kommentiert. Der/die LeserIn
spürt die Freude, die Kohl an dieser Arbeit gehabt haben
muss. Nach mehreren Büchern zur NS-Zeit genießt Kohl
offensichtlich die Begegnung mit dieser lebenslustigen, tapferen
Frau."